X oder Y?

Wie Junge und Mädchen entstehen

Um einen männlichen Stammhalter zu zeugen, solle der Mann sich den linken Hoden abbinden, hieß es früher. Denn nur im rechten befänden sich die Samen, aus denen ein Junge entsteht. Zusätzlichen Erfolg sollte es bringen, wenn die Frau bei der Zeugung auf der rechten Seite liegt. Doch trotz dieser „Methoden“ kamen überraschend häufig Mädchen zur Welt. Was entscheidet wirklich über das Geschlecht des Kindes?


X oder Y?
Foto: Steif

Bereits mit dem Augenblick der Befruchtung steht fest, ob sich ein männlicher oder ein weiblicher Embryo entwickelt. Denn das Geschlecht des Kindes hängt von der Kombination der zwei Geschlechtschromosomen ab, die es von Mutter und Vater erhält. Wenn sich Eizelle und Spermium vereinigen, entsteht ein Keim, der alle Informationen für das neue Leben enthält. Das heranreifende Ei im Körper der Frau trägt immer ein X-Chromosom; die Spermien des Mannes transportieren entweder ein X- oder ein Y-Chromosom – jeweils zu etwa 50 Prozent. Man könnte auch sagen, es gibt „weibliche“ und „männliche“ Spermien. Befruchtet ein X-Spermium die Eizelle, werden die Eltern eine kleine Tochter bekommen; verbindet sich das Ei mit einem Y-Samen, wird ein Junge das Licht der Welt erblicken.


Die Weichen sind gestellt

Etwa 16 bis 18 Stunden nach der Empfängnis beginnt die Eizelle, sich das erste Mal zu teilen – zunächst einmal, dann noch einmal – und in den folgenden Stunden und Tagen teilen sich diese Zellen viele weitere Male: der Embryo entwickelt sich. Bis zur vierten Schwangerschaftswoche entstehen bereits Gehirn, Nerven, Herz, Kreislauf, Leber und die Nabelschnur. Bis zu diesem Zeitpunkt spielt das Geschlecht des Embryos noch keine Rolle. Doch all seine Zellen tragen bereits die gleiche und das Geschlecht bestimmende Chromosomeninformation: die XX-Kombination für ein Mädchen, XY für einen Jungen.

XY - ein Junge

Nur ein bestimmtes Gen auf dem Y-Chromosom sorgt dafür, das sich aus dem Embryo ein Junge entwickelt – das SRY-Gen. Es steht für Sex determinierende Region auf dem Y-Chromosom. Darüber, was dieses SRY-Gen allerdings genau bewirkt, um die männliche Entwicklung in Gang zu setzen, sind sich Wissenschaftler noch nicht einig. Fest steht aber: durch seine Information beginnt der kleine Körper etwa in der sechsten Woche die Hoden auszubilden. Bereits eine Woche später verteilt sich von den Hoden aus das männliche Hormon Testosteron im Körper des Kindes. Es bewirkt beim heranwachsenden Baby, dass nach und nach die äußeren Geschlechtsmerkmale wie Hodensack und Penis und die inneren Genitalien wie Samenblase, Samenleiter und Prostata entstehen.



XX - ein Mädchen

Anders verläuft die Entwicklung, wenn bei der Befruchtung die Kombination XX entstanden ist. Denn jetzt fehlt das SRY-Gen. Statt dessen bildet der Embryo ab der 13. Schwangerschaftswoche Eierstöcke aus. Sie produzieren das weibliche Geschlechtshormon Östrogen, welches später die Entwicklung der weiblichen Geschlechtsmerkmale steuert. Die so genannten primären Geschlechtsmerkmale – Eierstöcke oder Hoden – sind jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennbar. Und erst ab der 16. bis 18. Schwangerschaftswoche kann der Gynäkologe im Ultraschall eindeutig feststellen, ob das Baby einen Penis oder eine Klitoris hat.

Nicht unwichtig: Die Zyklusphase

Nach diesem Stand der Wissenschaft sind die ungestümen Methoden, mit denen man früher das Geschlecht der Nachkommen zu beeinflussen versuchte, natürlich erfolglos. Allerdings haben Wissenschaftler für die künstliche Befruchtung inzwischen mehrere Verfahren entwickelt, bei denen sie männliche von weiblichen Spermien trennen können wollen. Entscheidend dafür ist: X-Chromosomen sind schwerer als Y-Chromosomen. Sie tragen mehrere Tausend Gene, während die Y-Chromosomen nur etwa 80 besitzen. Diese Tatsache begründet auch die Theorie, dass eine Befruchtung am Tag des Eisprungs der Frau wahrscheinlich einem Jungen das Leben schenkt. Denn man weiß, dass die männlichen Spermien leichter und schneller sind und die Eizelle eher erreichen. Müssen die Spermien hingegen noch einige Tage auf den Eisprung warten, haben die „weiblichen“ Spermien bessere Chancen, das Ei zu befruchten. Denn sie sind zwar schwerer und langsamer, aber dafür ausdauernder und langlebiger – und somit entsteht in dieser Phase wahrscheinlich ein Mädchen. Wenn die Frau also ihren Zyklus genau kennt, kann ein Paar versuchen, den Nachwuchs zum entsprechenden Zeitpunkt zu zeugen. Immerhin in etwa 70 bis 75 von 100 Fällen gilt diese Methode als erfolgreich. Insgesamt jedoch herrscht beim Zusammentreffen von Ei und Spermium weit gehend Gleichberechtigung: durchschnittlich 51,2 Prozent aller Babys sind männlich, 48,8 Prozent weiblich.

Prof. Dr. med. Jörg T. Epplen,
Abteilung für Humangenetik an der Ruhr-Universität Bochum



04.04.2007
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